Die Bürgermeisterei Weyer von 1815 bis zur Gegenwart

Nach der Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 15. bis 18.Oktober 1813 zogen sich die französischen Truppen über den Rhein zurück. Feldmarschall Blücher ging in der Verfolgung der Franzosen mit seinen Truppen in der Neujahrsnacht 1813/ 14 bei Kaub über den zugefrorenen Rhein. Die französische Besatzung Kölns zog am 14.Januar 1814 ab; noch am selben Tag nahmen preußische und russische Truppen die Stadt in Besitz. Der damalige Kanton Zülpich wurde zuerst von Kosaken der verbündeten Armeen (Preußen-Österreich-Rußland) in Besitz genommen. (Über Zusammenstöße ernster und heiterer Art mit den Kosaken sind uns vielfache Schilderungen überliefert). Nach RSimons, folgte den Kosaken die 5.Schwadron des Lützowschen Freikorps, die in Euskirchen Quartier nahm.

Die Verbündeten zogen am 31.März 1814 als Sieger in Paris ein. Am gleichen Tag wurde auf der Grundlage der sogenannten „Pariser Konvention" für die bis dahin französischen Rheinlande ein „General-Gouvernement von Nieder- und Mittelrhein" eingerichtet und als dessen Sitz Aachen bestimmt. Zum „Generalgouverneur" berie¬fen die Vereinigten Mächte den preußischen Staatsrat von Sack. Wer nun glaubte, die jahrelangen belastenden Lieferungen nähmen nun ein Ende, sah sich getäuscht. Auch die verbündeten Befreier nahmen anfänglich von den Eingeses¬senen, was sie brauchten. Spanndienste für den Festungsbau in Jülich, Fuhrleistungen und Fouragelieferungen ließen in der Bevölkerung keine Beifallsstürme aufkommen. Die Versammlung der europäischen Fürsten und Staatmänner (unter Leitung von Fürst Mettemich) entschied auf dem Wiener Kongreß über die Neuordnung Europas. Durch Beschluß vom 1 O.Februar 1815 gelangte Preußen in den definitiven Besitz der Rheinlande.Preußen war über diesen Gebietszuwachs nicht glücklich. König Fried¬rich III. hätte lieber das näher gelegene sächsische Gebiet seinem Staate einverleibt. Aber Fürst Metternich und der französische Außenminister Talleyrand hintertrieben diesen Wunsch Preußens. Sie wollten Preußen durch die weit entfernt liegenden rhei¬nischen Landesteile militärisch und wirtschaftlich trennen.

Am 5.April 1815 wurde die Vereinigung des größten Teiles der späteren Rheinpro¬vinz mit Preußen vollzogen. Aus diesem Anlaß sagte König Friedrich Wilhelmm III. u.a.:
„So habe ich denn im Vertrauen auf Gott und auf die Treue meines Volkes diese Rheinländer in Besitz genommen und mit der preußischen Krone vereinigt. Eure Religion, das Heiligste, was den Menschen angehört, werde ich ehren und schützen. Ihre Diener werde ich auch in ihrer äußeren Lage zu verbessern suchen, damit sie die Würde ihres Amtes behaupten. Ich werde die Anstalten des öffentlichen Unterrichts für eure Kinder herstellen. Ich werde einen bischöflichen Sitz, eine Universität und Bildungsanstalten für eure Geistlichen und Lehrer errichten."

Am 15.Mai 1815 beauftragte der noch in Wien weilende preußische König den Ge¬neralleutnant Graf von Gneisenau und den Generalgouverneur von Sack die Huldi¬gung der Bevölkerung an seiner Statt entgegenzunehmen. Der preußischen Regie¬rung stellte sich nach Besitzergreifung eine schwierige Aufgabe. Auf Verordnungen des Königs von Preußen vom 18. und 20. April 1816 entstanden die Regierungsbezirke und Kreise. Als Kreis Gemünd setzte der bisherige Kanton Gemünd seine Existenz als Verwaltungseinheit im neugeschaffenen Regierungsbe¬zirk Aachen fort. Beider Bestandteil war die Bürgermeisterei Weyer mit den Ort¬schaften Weyer, Zingsheim, Dreimühlen, Eiserfey, Vollem, Urfey und Kallmuth. So entstand aus der Mairie Weyer die „Bürgermeisterei Weyer". Der Bürgermeister hatte ebenso wie der Maire seinen Sitz in Eiserfey.
In den beiden ersten Jahren der preußischen Herrschaft trat eine Hungersnot auf, von der auch die Bürgermeisterei Weyer berührt wurde.Wie die Pfarrchronik berichtet, traf diese Hungersnot die Bewohner deshalb besonders hart, weil sie sich in den vergangenen Jahren verstärkt dem gewinnbringenden Eisensteinabbau widmeten, dabei die Feldarbeit vernachlässigten und dadurch kaum über Getreidevorräte verfügten. Und das kam so.

Nach dem langen frostigen Frühjahr 1816, lag der Schnee noch bis in den Juni hin¬ein. Am 29.September wurde das erste Heu geerntet, das Korn wurde erst im Oktober reif. In diesem Monat setzte der Frost schon wieder ein, der die Kartoffelernte ver¬nichtete. Am 9.November fiel der erste Schnee, während der Hafer noch im Felde stand. Aus dem Schnee gruben sich die Bewohner die nur walnußgroßen erfrorenen Kartoffeln aus, um sie unter das Brotgetreide zu mischen.

Bald war das wenige, das man geerntet hatte aufgezehrt. Eine Hungersnot mit großer Teuerung war 1817 die Folge. Drei Tage mußte ein Arbeiter für ein Schwarzbrot arbeiten. Aus Brennesseln und Krähenfuß kochten die Leute Mus und verzehrten Wurzeln. Der Blankenheimer Bürgermeister schlug den Leuten vor: „In den Weihern die vielen Frösche zu fangen und deren Beine gebraten zur Konsumption zu verwen¬den." Wolfsfleisch war sehr begehrt. Das Vieh erkrankte, weil man ihm faulendes Stroh vorwarf.

Die preußische Regierung versuchte, wenn auch mit Verspätung, die Not der Eifel-bevölkerung zu lindern. Sie stellte zwei Millionen Taler bereit und kaufte in ihren Ostseeprovinzen erhebliche Mengen Brotgetreide auf. Das aufgekaufte Getreide mußte aber erst mit Segelschiffen um Dänemark herum nach Holland verschifft werden. Dort wurde es auf Rheinschiffe umgeladen und den Rhein aufwärts nach Neuss, Köln. Koblenz und Trier verschifft. Erst im Mai 1817 gelangte das Brotgetreide zur Verteilung. Aus dem gleichen Jahr berichtet eine Regierungskommission: „Der grö߬te Teil der Bevölkerung schleicht umher mit eingegeschwundenen Augen, hohlen eingefallenen Wangen, an den Knochen klebt die Haut, unfähig zur Arbeit." Weitere harte Winter und Hungersnöte bescherte uns das Jahrhundert. Der Winter 1837/38 war einer der kältesten. An manchen Tagen sank dei Temperatur unter die 30 Grad-Marke. Die Kartoffeln erfroren in Mieten und Kellern. Die kalten Winter von 1845 bis 1847 führten 1847 erneut zu einer Hungersnot. 1879/80 lag in Weyer eine geschlossene Schneedecke von November bis März. 1885 erfror ein junger Mann auf dem Heimweg vom Mechernicher Bleibergwerk zu seiner Familie in Frohngau nur wenige Meter von seinem Haus entfernt. 1886 fiel derart viel Schnee, daß in den Höhendörfern (Udenbreth - Rescheid) die Häuser bis zur Oberkante der Türen zuge¬schneit waren. Mit dem Winter 1892/93 ging das Jahrhundert der kalten Winter zu Ende. In diesem Winter wurden bei geschlossener Schneedecke in manchen Nächten Minustemperaturen von 25 bis 30 Grad gemessen.
Die Notjahre hatten zur Folge, daß die Zahl der tauglichen jungen Männer für den Heeresdienst von Jahr zu Jahr sank.

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