Der ewige Jäger

Wer einmal dem ewigen Jäger begegnen möchte, der muss in mondhellen Nächten durch die Eifeler Wälder streifen. Dort kann er ihn treffen.

Zu den beliebsteten Jagdgründen des gespenstischen Weidmanns gehört der geheimnisvolle Weyerer Wald zwischen Keldenich, Urfey und Weyer. An den schroffen Felsen „boven zur Ley“, am Donnermaar, an den steinalten Hügelgräbern, am Weyerer Hermes- und Breiberg, am Dotteler Ravelsberg, am Keldenicher Hagelberg, am Vollemer Eulenberg, am Lorbacher Lichtertberg, am Kallmuther Pflugberg, im Urfeyer Paradies, im Keldenicher Königsfeldertal – dort überall hat er sein Jagdrevier. Begleitet von seinem struppigen Hündchen muss er umherirren, immer auf der Pirsch, ruhelos, gejagt, verdammt für alle Ewigkeit.

Wie es dazu kam, erzählt man sich in den Dörfern an der Kakushöhle folgendermaßen: In der Keldenicher Flur gibt es eine Stelle, die heißt auf dem Königsfeld. Vor langer Zeit soll hier eine Burg gestanden haben, vielleicht war es ein Königshof, eine sogenannte Pfalz. Nun lebte einmal auf dieser hehren Feste eine fromme Burgfrau, deren einziger Sohn ihr allerdings in keiner Weise nacheiferte; im Gegenteil, er kümmerte sich weder um Gott noch sein Gebot. Sein Leben und Streben gehörte ausschließlich der Jagd, und sein Herz war erfüllt vom Weidwerk in Gottes freier Natur. Wenn die Mutter wie alle tugendreinen Keldenicher sonntags die heilige Messe besuchte, lachte er nur spöttisch. Besessen von seiner Jagdleidenschaft ging er lieber auf die Jagd als in die Kirche.

Eines Sonntags, als es in Keldenich gerade zum Hochamt läutete, nahm der Nimrod wieder das Gewehr von der Wand und wollte sich aufmachen in den Weyerer Wald. Da wurde seine Mutter sehr traurig und klagte: „Ach, mein Sohn! Sonntag für Sonntag versündigst du dich, da du die heilige Messe versäumst.“ Als der Sohn nur hämisch lachte, wurde sie ärgerlich und rief zornig: „Dann geh doch auf die Jagd, du missratener Nichtsnutz! Ich wünsche, dass du jagen mögest für immer und ewig, bis zum Jüngsten Tage.“

Nun hatten damals Wünsche und Flüche große Macht und trafen meistens zu. Darum musste man sich dreimal überlegen, was man sich wünschte und wen man verfluchte. Und obwohl die Mutter ihre Worte nicht ernst gemeint hatte, ging die Drohung in Erfüllung. Der Sohn kehrte am Abend nicht in die Burg zurück, und auch nicht am nächsten Tag und nicht am übernächsten und niemals mehr.

Die Burg auf dem Königsfeld ist längst untergegangen; keine Menschenseele weiß wann und wodurch. Doch der ewige Jäger geistert noch immer durch das Weyerer Waldgebiet. Viele Leute aus der Umgebung haben die Spukgestalt gesehen und einige sind bei dem Anblick vor Schreck tot umgefallen. In stürmischen, kalten Regennächten, in denen man keinen Hund vor die Tür jagen würde, hört man jammervoll sein Hündchen winseln: „Japp, japp!“

Gottfried Henßen: Sagen, Märchen und Schwänke des Jülicher Landes, Bonn, 1955 Seite 61, Nr. 59

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