Entweihter Weihestein als Altarstein in Weyer

Auszug aus dem Buch: Wo Göttinnen das Land beschützten

von Sophie Lange

Dass auch in unserer Zeit noch bemerkenswerte Matronenfunde gemacht werden, zeigte sich 1991, als unter dem Altar der Weyerer Pfarrkirche (Stadtgebiet Mechernich) ein gut erhaltener Matronenstein zum Vorschein kam.

Schon mehrmals hatte man in früheren Zeiten in Altären christlicher Kirchen römische Götteraltäre gefunden. So fand man zum Beispiel 1812 beim Umbau der alten Tondorfer Kirche einen Viergötterstein, dem man leider wenig Beachtung schenkte und in die Grundmauern einbaute. Die dem Braunkohleabbau geopferte alte Kapelle Vilvenich bei Düren beherbergte einen Matronenstein, der der Kapelle eine besondere Bedeutung verlieh.1 In der Außenmauer der Euskirchener Martinuskirche ist ein Matronenstein eingebaut, ebenso in der alten Kapelle von Billig. Zwei Inschriftensteine an die Matronen kann man noch in der Kapelle Marienborn in Zülpich - Hoven sehen. Ob man durch die Zweitverwendung der alten Göttersteine den Sieg des Christentums über das Heidentum demonstrieren wollte oder ob man nicht ganz auf die alten Götter verzichten wollte, sei dahingestellt.

Überlegungen dieser Art wurden 1991 in Weyer aktuell, als man innerhalb von umfassenden Renovierungsmaßnahmen in der Sankt-Cyriakus-Kirche am 4. Februar unterhalb des Altaraufbaus auf Bruchstücke eines Wege- und eines Grabkreuzes stieß. Für Überraschung sorgte schließlich ein 12 Zentner schwerer Quaderstein. Als man diesen umdrehte, entpuppte er sich als gut erhaltener Altarstein mit Matronenbild und Inschrift Der Altarstein war den vacallinehischen Matronen geweiht.

Die drei Göttinnen sitzen wie üblich in ubischer Festtagstracht in einer Ädikula. Auffallend ist, dass der Kopf der mittleren Figur regelrecht abgegriffen wirkt, was auch bei anderen Matronensteinen zu beobachten ist. Für dieses Phänomen gibt es mehrere Erklärungsversuche. Es kann sein, dass Menschen ehrfurchtsvoll das Gesicht berührt haben und durch Schweißrückstände bei diesem „Fingerabdruck“ der Kalkstein zersetzt wurde. Eine andere Theorie hält es für möglich, dass man den Kalk abkratzte, um den Kalksand für Heilungs- und Fruchtbarkeitsriten zu nutzen. Verschiedentlich wird die Theorie vertreten, dass während der „Heidenverfolgung“ die Köpfchen zerschlagen wurden, um den Göttinnen „das Gesicht zu nehmen“. Bei dem Weyerer Stein sieht das abgegriffene Köpfchen allerdings nicht nach einer Zerstörung aus.

Der Stein aus der Weyerer Kirche ist 109 cm hoch, 68,5 cm breit und 30 cm tief. Das Steinmaterial stammt aus den Steinbrüchen von Pont-à-Mousson an der französischen Obermosel. Auch bei anderen römischen Funden (Grabwandungen) stammt Steinmaterial aus diesen Steinbrüchen. Es stellt sich die Frage, wieso man diese schweren Brocken von so weit her holte, da es doch in der Nähe genug Steinbrüche gab.

Auf dem Schoß tragen die vacallinehischen Matronen Schalen mit Früchten. An den Schmalseiten ist je ein Baum eingemeißelt. Stilistisch ist der Weihestein dem ausgehenden zweiten Jahrhundert zuzuordnen.

Die Inschrift ist in der bekannten Form abgefasst. Übersetzt lautet sie: „Den Matronen Vaccalinehae hat Lucius Caldinius Firminius gern nach ihrem Verdienst sein Gelübde erfüllt.“ Der Name Caldinius war bereits als Stiftername von einem im Heidentempel Pesch gefundenen Matronenstein bekannt. In diesem Namen sieht man eine Verbindung zu dem Ort Keldenich bei Kall. Caldinius ist allerdings ein häufiger Vorname und auch von anderen Fundorten (Bonn und Köln) belegt.

Vor dem Einbau in den Altar war der Weihestein „ent“weiht worden. Davon zeugen auf der Rückseite in den Ecken vier eingeschlagene Kreuze und in der Mitte eine abgestufte Vertiefung, die zur Aufnahme von Reliquien gedient haben mag. Wann dies geschehen ist, lässt sich nicht feststellen. Man ist sich jedoch sicher, dass der Matronenstein in einer Drittverwendung zu einem christlich–getauften Heidenstein umgewandelt wurde, quasi christianisiert wurde. Der Herkunftsort wird im Heidentempel Nöthen/Pesch zu suchen sein. Das Originalmonument ist nach einer Untersuchung des Landesmuseums zur Weyerer Kirche zurückgekehrt. Ein Abguss wurde im Dorf, am Fuße des Kirchbergs aufgestellt, je eine weitere Kopie in Bad Münstereifel (Apothekenmuseum), an der Antweiler Kirche, im Dorf Pesch und im Tempelbezirk auf dem Addig.

Der Volksüberlieferung zufolge soll die Pfarrkirche von Weyer auf den Grundmauern eines römischen Tempels stehen, der vielleicht sogar ein keltisches Heiligtum als Vorläufer hatte. Reste einer Cella lägen unter dem Chor, erzählt man sich im Dorf. In den 1980er Jahren ging das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege diesen „Legenden“ nach. Als in dem Kirchenraum eine Heizungsanlage eingebaut wurde, legte man Ausschnitte eines fränkischen Gräberfeldes frei, fand aber keine Hinweise auf römische Vorgängerbauten oder auf ein keltisches Heiligtum.

Ganz anders sehen da radiästhetische Messungen aus, die der Geobiologe Wilhelm Brüll aus Dreimühlen 1990 vor(!) der Freilegung des Matronensteins in der Weyerer Pfarrkirche durchführte. Er konnte nicht nur einen „Ort der Kraft“ in unmittelbarer Nähe des späteren Fundortes ausmuten, sondern auch den vermuteten Grundriss einer vorrömischen Kultstätte erkennen: ein Rechteck von sechs mal acht Meter und einer Stärke der Umfassung von 0,80 Meter.2

In der Nähe der Kirche von Weyer liegt die Kartsteinhöhle, in der Menschen bereits seit Urzeiten Schutz vor den Umbilden der Natur suchten. Im Volksmund kennt man für die Höhle die Namen Kakushöhle, große Kirche und Kinderhöhle. Die Sage erzählt von der Göttin Helic: „Es ist schon lange her, da waltete in den Höhlen des Kartsteins die Göttin Helic. Diese Göttin rief auf geheimnisvolle Weise die Kinder ins Leben. Aus einem verborgenen Raum tief im Innern der Höhle – dem Herzen der Mutter Erde – holte sie die Menschenkinder hervor. Die unterirdischen Quellen und Bäche gaben das lebensspendende Wasser.“33

Sehr nachdrücklich behaupten bis heute die Bewohner von Weyer und Umgebung, dass ein unterirdischer Gang von der Weyerer Kirche zur Kartsteinhöhle führe, so dass man sich jederzeit hätte zurückziehen können. Auch dieser Überlieferung gingen die Denkmalschützer nach und fanden „das Ende einer Legende“: „Bei einigen Kirchen mögen diese Sagen einen realen Hintergrund haben: Die Untersuchung der römischen Wasserleitung von der Eifel nach Köln, vor allem in dem Abschnitt bei Breitenbenden, zeigte, dass der Kanal an einigen Stelle bis heute begehbar ist und so den Anlass für die Sagenbildungen geben konnte.“4

Allerdings ist diese Begründung wenig befriedigend, denn der Römerkanal führt in einiger Entfernung an Weyer vorbei. Auffallend ist, dass unabhängig voneinander in Kallmuth, Urft und Nettersheim von unterirdischen Gängen erzählt wird, die von diesen Orten ausgehend alle an der Weyerer Kirche ans Tageslicht führen sollen, womit dem Terrain dann doch eine gewisse Sonderstellung zukommt. Es ist denkbar, dass sich ein Wissen von einer imaginären, mythischen Beziehung zwischen diesen Orten erhalten hat, wobei in der Volksfantasie das unsichtbare Band zu unterirdischen Gängen geworden ist. Andere Deutung erinnert daran, dass die keltischen Druiden an besonderen Plätzen unterirdische Schächte anlegten, wo sie sich zur Meditation zurückziehen konnten.

Höhlen waren in Vorzeiten magische Kulträume. Höhle und Dom haben etwas Urverwandtes. Der Dunkelpart der Höhlen und damit der Unterwelt wurde durch heilige, helle Höhenplätze kompensiert. Trafen Menschen sich unter der Erde zu einem Ritual, so hielten andere Menschen auf einer Höhe Wache. So hält man es für möglich, dass durch die Verehrungsstätten in Weyer und auf dem Addig in Pesch ein Ausgleich zu der großen Höhle des Kartsteins geschaffen wurde, denn Höhlen waren in das Verbundnetz der Kultplätze einbezogen und durch Pilgerpfade miteinander verbunden.5

Von den landschaftlichen Schönheiten rund um Weyer sei vor allem der Eulenberg bei Urfey/Vollem genannt, der einen einmaligen Rundblick ins Land beschert. Der Name kommt nicht von Eule, sondern eher von dem germanischen alah = heiliger Hain, geweihte Stätte. Eulenberge gibt es im Zülpicher Matronenland in Geich und bei Sinzenich. Vom Eulenberg bei Urfey/Vollem hat man einen freien Blick auf die Kirche in Weyer. Ein regelrechter Initiationsweg führt von der Spitze des Eulenbergs über zwei kleine Kuppen zu dem fast 500 m hohen Lichtertberg, der mit dem keltischen Lichtgott Lug in Zusammenhang gebracht wird. Zwischen diesen Hügelzügen und der hochgelegenen Weyerer Kirche schlängelt sich der Feybach. Er führt zu den fachinehischen Matronen.

1 www.sophie-lange.de
2 Wilhelm Brüll: Spuren keltischer Religion und Mythologie bei Weyer
In: Kreis Euskirchen Jahrbuch 1991
Siehe auch unter: www.ruediger-weyer.de/orte/mythologie.html
3 www.sophie-lange.de/Kakushoehle/10.htm
4 Winfried Maria Koch: St. Cyriakus in Weyer – das Ende einer Legende.
5 Sophie Lange: Pfade zwischen Höhlen und Tempeln.
In: Kölnische Rundschau, Eifelland. 14.03.1990
Siehe auch: www.sophie-lange.de/matronenkult/4 kultpfade.htm

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